Geleitet von dem Wunsch, einen eigenen Kosmos zu gestalten, liegt es der Künstlerin nahe, verschiedene Welten miteinander in Bezug zu bringen.

Ordnungsprinzipien werden hinterfragt und neu aufgestellt, ein festes System durch ein loses ausgetauscht. Fast zwanghaft erscheint der Wille die Dinge neu zu ordnen – allerdings im äußerst positiven, kreativen und nicht im krankhaften Sinne. Sabine Mann arbeitet hierbei sehr intuitiv und subjektiv, nach eigenen formalen ästhetischen Kriterien – ohne einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu stellen. Die einzelnen Gegenstände werden geschnitten und aus ihrem Kontext genommen, um dann in einen neuen Bildzusammen- hang gebracht zu werden. Das Bild, hier die einzelne Buchseite, erscheint zunächst chaotisch und unordentlich, aber schnell erkennt man, dass alles sehr wohlgeordnet und durchdacht komponiert ist, und dass die ausgeschnittenen Elemente an Stellen geklebt werden, die formal, farblich und auch im gewissen Sinne inhaltlich funktionieren. Sabine Manns Ziel als Künstlerin ist es, ein Kunstwerk zu schaffen, das in sich abgeschlossen ist, und so muss jede einzelne Buchseite betrachtet werden.

Oft stimmen die Proportionen nicht mehr, und eine Tüte mit Pilzen überlagert übergroß Schrankelemente, oder ein Bund Löwenzahn dominiert den Bildvordergrund, während farbige Trinkgläser ein Küchenbord an Größe übertreffen. Humorvoll und fast surreal beleben die ausgeschnittenen und aufgeklebten Elemente den Hintergrund und ‚behaupten‘ sich spielerisch im Vordergrund. Die Dinge scheinen zu fliegen oder unkontrolliert abgesetzt zu sein, aber sie sind bewusst in den Bildraum gesetzt.

Auch dies ist das Wesen der Collage: Die formale und fast sinnentleerte Freiheit.

Nicht nur die Gegensätze der Kälte des Küchenkataloges und der Poesie der oft französischen Lifestyle-Zeitschriften treffen hier aufeinander, auch das Bild und die Schrift treten in einem Dialog, sie bedingen und befruchten sich gegenseitig. Ein Spiel mit Distanz und Nähe entsteht. Mit subjektiver und objektiver Wahrheit. Mit Realität und Fiktion. Mit Raum und Bildraum. Mit Bildebenen, mit Vorder- und Hintergrund. Mit Form und Farbe ... Es scheint, als fordere ein bildnerisches Element geradezu ein anderes – formal strengeres – Element heraus.

Über Sabine Mann

Während das erste Collagenbuch noch ungeordneter, scheinbar beliebiger und bildnerisch voller war, ist das zweite Buch deutlich ruhiger, klarer, strukturierter und ausgewogener. Es entsteht der Eindruck, dass Sabine Mann ihre bildnerischen Mittel nun bewusster einsetzt und ihre Kompositionen mit der Erfahrung des eigenen Könnens wachsen.


So finden sich neben den immer wieder auftauchenden Blumen, Früchten oder Schmetterlingen, die diese Mann’sche Welt beleben, Buchstaben, Zahlen in loser, aber durchdachter Anordnung, was für die Grafk-designerin einen besonderen Reiz bedeutet. Der Buch-stabe wird hier allerdings als bildnerisches Element und nicht als Sinnträger verwendet.

Formal gesehen scheinen die Schmetterlinge eingefügt, um die Konstruktion der Buchseite zu erleichtern – sie halten sie zusammen oder geben sogar den Aufbau vor, sie stabilisieren oder lenken bewusst ab. Ikonografisch, ist der Schmetterling das Symbol der Wiedergeburt, der Auferstehung und der Unsterblichkeit, und der häufig zu findende ‚Bogen‘, der Halbkreis, den Sabine Mann formal einsetzt – z. B. eine ‚Kette‘ von Öltropfen – würde die Verwendung des Schmetterlings in diesem Sinne verstärken. Dennoch möchte ich behaupten, dass Sabine Mann ihre Bildelemente unbewusst sucht, aus einem inneren, kreativen Drang heraus, eine neu geordnete Bilderwelt zu schaffen – eine schöne neue Welt, die – um Adlous Huxley zu zitieren – eine Utopie (einen ‚Un-raum‘, einen ,Nicht-raum‘) beschreibt, in der „Stabilität, Frieden und Freiheit“ gewährleistet scheinen. Diese drei Kriterien für einen neuen ‚Raum‘ treffen, neben der formalen Ästhetik, auch auf die Bilderwelt von Sabine Mann zu.


Susanne Kleine,

Kunsthistorikerin

Schlösser der Loire - AZAY-LE RIDEAU

Schlösser der Loire - CHAUMONT

Volk und Landschaft zwischen Finnland und Russland 60/61