Sabine Mann - Arbeiten

Les Chateaux de la Loire

Ergänzungen von Sabine Mann

Ein besonderes Buch erfordert eine besondere Gestaltung und so ist das Ergebnis von Sabine Manns Beschäftigung mit dem schwarz/weiß gehaltenen Bildband über die Loire Schlösser von eine Besonderheit – auch innerhalb ihres eigenen Werkkontextes.


Blättert man behutsam Seite für Seite dieses großformatigen Kompendiums um, fühlt man sich fast an kostbare, mittelalterliche Buchgestaltungen erinnert. Nur dass hier der ‚Auftrag’ nicht die lebendige Bebilderung von Texten ist: Die Künstlerin wurde durch ein schon bebildertes Buch über die Loire Schlösser inspiriert, dies mit weiteren, assoziativen Bildern zu ergänzen – der Text ist nebensächlich und dient nur später ab und an einer formalen Lösung.

Diese scheinbare Doppelung der Bilder macht auch den Reiz des vorliegenden Künstlerbuches aus. Dies ist eine neue strategische Entscheidung: Nicht die Neuordnung ist ihr Anliegen, sondern – inspiriert durch die friedliche Ästhetik der vorhandenen Fotos – eine weitere, eigene Ästhetik hinzuzufügen, Korrespondenzen zu bilden. So zeigt sich zum Beispiel fast programmatisch eine Buchseite, auf der die runden Außentürme eines Schlosses abgebildet sind, gleich zu Beginn in korrespondierender Kraft mit Stapeln von farbigen Stühlen: Die Stapel greifen die Form der Türme auf, umspielen sie, und ihre Farbe ist eine harmonische Antwort auf den Sandstein der Türme.

Diese Korrespondenzen basieren auf dem künstlerischen Antrieb, intuitiven Wunsch Sabine Manns, die geheimnisvolle, mystische Atmosphäre der ‚Dornröschenschlösser‘ mit formal, ästhetischen Mitteln der Unterstreichung, der Kontrastierung zu verdichten. Eine Seite, auf der verschiedene, collagierte Kerzen eine Antwort auf das angestrahlte Schloss bilden oder ein Blumenkohl die diffuse Struktur des versumpften Wassers aufgreift, belegt dies ebenso.


Diesmal ist also ihr Anliegen die Addition im Hinblick auf einen neuen Bilder-Kosmos und nicht, wie in ihren bisherigen Büchern, die „Ordnung der Dinge“. Kein scheinbares Chaos wird sortiert, keine verschiedenen Welten werden in einen neuen Bezug gebracht – bei diesem Werk bringt sie durch ihre sehr persönliche Technik des Aus-



schneidens, Aufklebens, des Zusammenfügens – der Collage – eine Verstärkung der schon vorhandenen


Bildaussage hervor. Natürlich treffen auch hierbei verschiedene Realitäten, Gegenwelten, irreale Welten in den Dialog, aber sie bilden keine harten Kontraste sondern sie erfüllen malerisch ihren gegenseitigen ‚Auftrag‘. Es entstanden ausgewogene, wohl komponierte Collageseiten, die sich durch Perspektivwechsel, Üppigkeit oder Reduktion, konkrete Bezüge und formale Spiegelungen sowie durch Wechsel in den Größenverhältnissen der aufgeklebten Dinge zu den vorhanden Fotos auszeichnen; Seiten, die „das ganz Wilde noch mehr zum Chaos machen“ oder die die sparsame Darstellung einzelner Madonnenstatuen durch ganz sparsame Ergänzungen verstärken. Manchmal spiegeln Neueinrichtungen, „Umrichtungen“ mancher Innenräume oder ihre Gestaltung einer Gartenanlage auch eine scheinbare ‚echte‘ Realität. Und manchmal wurde die Entscheidung getroffen, eine Fotoseite fast vollständig mit Collagen zu überdecken, eine Seite gar nicht zu ergänzen oder Seiten zu gestalten, die erst auf den zweiten Blick die eingefügte Collage sichtbar machen, fast als Suchbild – so feinfühlig, spielerisch, gar subversiv gestaltet Sabine Mann die ‚schöne neue Welt‘. Und sie ist immer menschenleer, als wäre ihr die Geschichte, die Personen per se mit sich tragen, die Ablenkung durch sie, dann zu viel.


Ein Jahr lang hat sie an dem Buch gearbeitet und Seite für Seite gestaltet – das gesamte Buch immer im Blick, auch dies eine neue strategische Entscheidung. Diesmal geht es nicht darum, einzelne Bildseiten gestalterisch abzuschließen sondern auch manchmal durch ‚Durchblicke’, ‚Einblicke‘ oder ‚Ausblicke‘ auf eine nachfolgende Seite zu verweisen. Fenster werden auf einer Basisseite geöffnet, ausgeschnitten und auf der nachfolgenden Seite mit Bildern/Farben hinterlegt – auch hier um den vorhandenen Eindruck durch einen künstlerischen Eingriff malerisch zu verstärken. Und nur bei diesem Verfahren kommt der im Buch vorhandene Text zum Tragen: als formal, ästhetische Notwendigkeit eines ruhigen, eher symmetrischen Durchblicks ohne weitere künstlerische Addition.

Die Geschlossenheit der bisherigen Buchseiten ist dem Blick auf den Gesamtkontext gewichen und obwohl natürlich die Seiten formal in sich abgeschlossen sind, lassen sie erahnen, dass sie in einem Zusammenhang stehen. Es scheint eine größere spielerische Offenheit zu bestehen, bei der durch das Zusammenfügen verschiedener Bildelemente ein neues, poetisches Ganzes geschaffen wird.



Susanne Kleine


FOUGÈRES-SUR BIÈVRE

LE PLESSIS-BOURRÈ